Schreibinsel - eine Zusammenarbeit von Interbiblio und dem Schulhausroman
Das Projekt will die Erstsprache bei Jugendlichen fördern.
Während die Erstsprachförderung bei kleinen Kindern unter Fachleuten unbestritten und allmählich auch in der Gesellschaft als Voraussetzung für den Erwerb einer weiteren Sprache akzeptiert ist, stellt sie bei den Jugendlichen gar kein Thema mehr dar. Sie sollen die Lokalsprache beherrschen. Dass aber die Erstsprache, die Gefühlssprache und damit die kulturellen Wurzeln dieser jungen Menschen ein wichtiges Element zur Identitätsfindung ist, wird übersehen. Jugendliche mit einer anderen Herkunftssprache, die mit der hiesigen Regionalsprache Mühe haben, weisen ein Defizit auf; ihre Kenntnis einer weiteren Sprache gilt nicht als Bereicherung, es sei denn, es handelt sich um Englisch oder allenfalls Französisch und Italienisch. Dass aber gerade die Zweisprachigkeit oder die Möglichkeit, von einer Kultur in die andere zu wechseln, sich in zwei oder mehreren Kulturen auszukennen, auch ein Vorteil gegenüber der Einsprachigkeit darstellen kann, zählt in den wenigsten Fällen.
Das Projekt «Schreibinsel»
Die Erfahrungen mit dem Projekt Schulhausroman zeigen Möglichkeiten auf, die sich bei Jugendlichen ergeben, die die deutsche Sprache dazulernen mussten. Im Gespräch mit dem Team des Schulhausroman-Projekts entwickelte Interbiblio die Idee, mit Jugendlichen und ihren zwei- oder mehrsprachigen Kenntnissen in einem Schreibinsel-Projekt diese Besonderheit herauszuschälen, ihrer «Transkulturalität» ein für sie bis anhin unbekanntes Gewicht zu geben.
In enger Zusammenarbeit mit dem Projektteam des «Schulhausroman» das die nötige Erfahrung und das KnowHow hat wird eine Gruppe Jugendlicher von Schriftstellern und/oder Schriftstellerinnen angeleitet, selbst einen oder mehrere Texte in ihrer Muttersprache/Erstsprache zu verfassen und in einer öffentlichen Lesung einem grösseren Publikum vorzustellen.
Das Projekt Schulhausroman wurde 2005 vom Schriftsteller Richard Reich lanciert. Die Grundidee des Projekts bestand darin, sogenannt lernschwache bzw. sprachlich gehemmte Schülerinnen und Schüler im Alter zwischen 12 und 17 Jahren aktiv an der Entstehung einer Geschichte zu beteiligen – unter Anleitung ausgewiesener Schreibprofis. Das Projekt richtet sich damit gezielt an die unteren Niveaus der Oberstufe (6. bis 9. Klasse) sowie des 10. Schuljahrs. Es gab auch schon Projekte mit Berufs- und Berufswahlschulen sowie sonderpädagogischen Schulen.
Zielpublikum
Das Projekt «Scheibinsel» richtet sich an Jugendliche mit Migrationshintergrund ab 13, 14 Jahren. Diese Altersgruppe hat oft kein grosses Interesse (mehr) am Lesen und ist in Bibliotheken eher schwierig zu erreichen.
Durch das Schreiben, sich Ausdrücken, auch in ihrer Herkunftssprache (in der Schule gilt für sie immer die Lokalsprache), lernen sie den Wert ihrer Erstsprache schätzen und erfahren den Gewinn und das Potential, sich in mehreren Sprachen bewegen zu können. Sie gewinnen dadurch mehr Selbstvertrauen, was zu ihrer Identitätsfindung und -stärkung beiträgt, und sie lernen ihren Status als transkulturelle Bürger und Bürgerinnen schätzen und die Vorteile erkennen.
In einem Pilotprojekt, das im Herbst 2011 startet, werden zunächst Jugendliche mit albanischer, türkischer, tamilischer o.a. Erstsprache angesprochen, einer Sprache, die bei uns nicht den gleichen Stellenwert einnimmt wie etwa Englisch oder Französisch. Dabei wird auch darauf geachtet, Schriftsteller und Schriftstellerinnen aus dieser Sprachregion, die in der Schweiz wohnen, für das Projekt zu gewinnen.
Eine Stärkung der Identität und des Selbstbewusstseins hilft Probleme zu überwinden und stärkt gesellschaftlich und letztendlich auch schulisch. Zugleich erleben die Jugendlichen, wie sich ihr Leben, ihr Alltag, in Literatur, in Kunst verwandeln. Denn genau wie sich in jedem literarischen Text die Persönlichkeit und das Umfeld eines Autors, der Autorin manifestieren, spiegeln sich in solchen Romanen die Lebenswelten heutiger Jugendlicher.
Das Pilotprojekt wird in zwei interkulturellen Bibliotheken durchgeführt, und zwar je in der deutschen und der französischen/bzw. italienischen Schweiz. Danach wird geprüft, ob das Projekt in dieser Form weitergeführt werden kann/soll oder ob neue Formen notwendig sind (z.B. mehrsprachige Zusammensetzungen der Jugendlichen). Wir hoffen, dass auch weitere interkulturelle Bibliotheken mitmachen können.
Ziele
- Die Mehrsprachigkeit der Jugendlichen wird gestärkt.
- Das Schreiben und sich Ausdrücken in der Erstsprache ebenso wie in einer der Landessprachen werden gefördert.
- Die Identität der Jugendlichen wird gestärkt durch einen neuen und gefestigteren, Stellenwert der Herkunftssprache und – kultur.
- Die interkulturellen Bibliotheken sollen national mehr Bedeutung erhalten, weil sie damit noch deutlicher zeigen können, dass ihre Ausrichtung integrativen Charakter hat.
Mit dem Projekt Schreibinsel möchten wir versuchen, Jugendliche ausserschulisch zu gewinnen. Ihr Verhältnis zur Schule ist oft belastet mit Leistung. Das Projekt Schreibinsel hat auch mit Leistung zu tun, aber das Resultat ist anders gewichtet. Die ersten Kontaktnahmen können jedoch durchaus über die Schule/Lehrkräfte, allenfalls auch über die interkulturellen Bibliotheken laufen.
Alle organisatorischen, inhaltlichen und betreuerischen Aufgaben übernimmt die Leitung Schulhausroman, die viel Erfahrung hat. Sie arbeitet jedoch eng mit den ausgewählten interkulturellen Bibliotheken zusammen, sowohl bei der Auswahl der Schüler/innen als auch der Schriftsteller/innen.
Literaturangaben
- Efionayi-Mäder, Denise (Schweiz. Forum für Migrations- und Bevölkerungsstudien, Universität Neuenburg): Erziehung in Migrationsfamilien. (Forum Familienfragen 2008 – 26. Juni 2008, Kursaal Bern „Familien – Erziehung – Bildung“, organisiert von der Eidg.Koordinationskommission für Familienfragen (EDI).
- Fibbi, Rosita (Forum für Migrations- und Populationsstudien) / Matthey, Marinette (UFR Science du langage): Rapport final. Stratégies familiales et pratiques langagières des jeunes de la troisième génération.
- Küls, Holger: Gehirnforschung, Lernen und Spracherwerb (Kindergartenpädagogik- Online-Handbuch - Herausgeber: Martin R. Textor).
- Moser, Urs / Bayer, Nicole / Tunger, Verena / Berweger, Simone: Entwicklung der Sprachkompetenzen in der Erst- und Zweitsprache von Migrantenkindern. Schlussbericht. (Institut für Bildungsevaluation, Assoziiertes Institut der Universität Zürich / Universitäres Forschungszentrum für Mehrsprachigkeit, Institut für Sprachwissenschaften, Universität Bern, November 2008). PDF
- Rosenbaum, Francine: Les humiliations de l’exil. Les pathologies de la honte chez les enfants migrants. Editions Fabert, 2009, Paris.
- Tarazi-Sahab, Layla: Que devient la diversité des langues à l’adolescence? - L’autre. Cliniques, cultures et sociétés, 2008, vol.9, 2, pp203-216.